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16.01.1977

Es braust ein Ruf wie Donnerhall ...

Zwölf sangesfrohe Berliner werden in Europa bekannt

Von FRIEDRICH FORRER
Berlin

Die Funkausstellung 1977 in Berlin wird sie in ganz Europa bekanntmachen: Zwölf sangesfrohe Herren der „Berliner Hymnentafel". Am nächsten Freitag um 20 Uhr, werden sie wieder im Dahlemer „Capitol" auftreten. Der Titel ihres Programms: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall — Lieder von deutscher Art". 1974 fanden sie sich zusammen — und schon heute sind sie in Konzertsälen, in Funk und Fernsehen willkommene Gäste. „Zusammengetan haben wir uns ganz einfach deshalb, weil es uns Spaß machte, vertonte Gartenlaube-Lyrik, aus der Zeit um die Jahrhundertwende auszugraben und zu singen", sagte Sprecher Werner Kotsch.
Kotsch: „Einige von uns sind Mitglieder im St. Hedwigschor, zwei im RIAS-Kammerchor. Unser Prinzip ist, immer so gut zu singen, als handle es sich um Klassik. So gelang es, Heiterkeit ohne Reue hervorzubringen." Mit einem Ereignis hatten die Sänger allerdings nicht gerechnet: Daß sich unter dem Dargebotenen auch Stücke befinden, die nicht mit schmunzelnder Heiterkeit quittiert werden, sondern mit unverhohlener Begeisterung. So war es bei dem Melodram „Das Glöcklein von Innisfär", aufgeführt im Konzertsaal in der
Bundesallee unter dem Stichwort „Weihnachten in der Familie um 1900". Dazu Werner Kotsch, ein wenig verlegen: „Das war denn eben kein Kitsch — gerade zu Weihnachten traf das Melodram genau den Gefühlsnerv." Gewollt oder nicht — die Hymnentafel-Sänger befanden sich plötzlich auf dem Kamm einer Nostalgiewelle. Was von vielen vor Jahren noch geringschätzig abgetan wurde, erscheint heute liebenswert: das Gehäkelte, das Gestrickte — ,auch in der Welt der Noten. Was uns bisher von den Musikhistorikern schamhaft verschwiegen wurde — im Programm der Hymnentafel taucht es auf: Kompositionen von Brahms, Schumann und Wagner. Natürlich darf nach wie vor auch schallend gelacht werden.
Beispielsweise über den Hurrapatriotismus aus der Zeit von Wilhelm II. Und über Lieder wie solche: „Cantus chemicus" aus dem „Liederhort Deutscher Jungdrogisten".
Intensiv werden die Nostalgie-Sänger von Professor Hans-Peter Reinecke unterstützt, dem Direktor des Instituts für Musikforschung, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er engagiert sie und tritt bei ihnen als seriöser „Conferencier" auf. Und er stöbert auch für sie in Archiven, Heimatmuseen und im Fundus der zahllosen Männervereinigungen von einst nach Alben und Noten. Bei der Funkausstellung '77 werden die Vokalisten täglich in den Messehallen auftreten. Was sie singen, wird Testpersonen unmittelbar danach auf Platte und Videorecorder vorgespielt — das Ganze ein Beitrag zum Forschungsthema Medientechnik und -psychologie. Unter dem Strich: Die sympathischen Herren im Frack nehmen schon heute einen nicht unbedeutenden Platz im Berliner Musikleben ein.

Jeans und Biergläser im Parkett, Frack und deutsches Sangesgut auf der Bühne: Die zwölf Herren der Berliner Hymnentafel in ihrer Stammkneipe „Natubs" in der Bregenzer Straße. Während der Funkausstellung 1977 sollen nun ihre „Lieder von deutscher Art" in zahlreiche Länder Europas ausgestrahlt werden. [Foto: WAMS]