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Unsere 1.Kritik...

24.10.1975

Vaterländische Gesänge
„Berliner Hymnentafel"

„Setze mir nicht, du Grobian, mir den Krug so dicht vor die Nase ..." sangen die Männer der „Berliner Hymnentafel". Das war („Türkisches Schenkenlied", „Mendelssohn/Goethe), leicht gesungen, doch schwer zu machen. In der Galerie Natubs, wo sie ihr A-cappella-Konzert gaben, war jeder Platz doppelt besetzt. Mit Recht, wie sich herausstellte. Die zehn Sänger, sie gehören allesamt dem St.-Hedwigs-Chor an, sind hörens- und obendrein sehenswert. Sie haben — angeregt durch die Ausstellung „Aspekte der Gründerzeit" in der Akademie der Künste — ein Liederrepertoire jener Epoche erarbeitet, das den Ton- und Textschwulst des „Volksliederbuches für Männerchor, herausgegeben auf Veranlassung Seiner Majestät des deutschen Kaisers Wilhelm II.", kunstvoll zum Vibrieren bringt. Ein Salon imaginaire aus Tönen mit mimischer Begleitmusik; das ist schon köstlich. Wir werden der Ballade vom gesühnten Hirsch teilhaftig, der dem Schuß des Jägers erliegt und sterbend ein liebliches Mägdelein um Rächest bittet. Ihr Blick, so tröstet das Lied, trifft den Jäger dann vergleichbar schmerzhaft ins Herz. Und wie gerinnen die blutig ernst gemeinten vaterländischen Gesänge, Untertanenadoranz, Kampfes- und Sterbelust hier zu purem Spaß! Läßt man sich auf die Texte näher ein, so kommen sie einem auch im Nachhinein gar nicht so lustig vor. Ganz unüberschattet dagegen die Lieder für Sportsleute. Allein das Wort Turnen entfaltet auf den Lippen eines Männerchores höchst wirkungsvolle Komik. Mit Beifall eingedeckt, dankten die Sänger mit einer Kniebeuge. Und wann singen sie wieder? Am 18. November bei Natubs.

Ursula Schaaf