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19.04.1995

Kichern beim Krokodil

Berliner Chöre (17): Die „Berliner Hymnentafel" hat sich mit vaterländischem Liedgut
und mürben Schlagern - augenzwinkernd vorgetragen - einen Namen gemacht

VON MATTHIAS OLOEW

BERLIN. Auf jeden Fall im Frack. Alles andere nehmen die zwölf Sänger der Berliner Hymnentafel nicht so bierernst, schon gar nicht die Literatur ihres Repertoires. Mit Leidenschaft, aber augenzwinkender Distanz, singen sie die Schlager aus den Zwanzigern genau so wie ihre vaterländischen Hymnen, denen sie nicht nur ihren Ruf, sondern überhaupt ihr Entstehen verdanken. „Es ist schon komisch, was die Chorväter früher so alles gesungen haben", sagt Werner Kotsch, der die Hymnentafel leitet.
Angefangen hat es 1974, als im Rahmen der Ausstellung „Aspekte der Gründerzeit" in der Akademie der Künste zehn Herren auftraten und Musik der Epoche vortrugen. „Vaterländische Liedertafel nannten wir uns damals", erinnert sich Kotsch, „das Kind mußte ja einen Namen haben." Gemein war den Sängern nicht nur eine Vorliebe für das herrlich altmodische Liedgut, sondern auch, daß sie allesamt bereits dem St.Hedwigschor verpflichtet waren. Doch damit nicht genug. Alle trafen sich immer wieder in der Galerie Natubs in der Bregenzer Straße und hier, bei einigen Bieren, wurde aus der spontanen Gründung eine Institution.
Die „Berliner Hymnentafel" wurde geboren und sang jedesmal zum Kneipengeburtstag im November. Insiderkonzerte waren das, die Sitzplätze in der Kneipe jedesmal doppelt belegt. Jahrelanger Wegbegleiter der Hymnentafel war der Komponist Kurt Drabek, der fast 85jährig in diesem Jahr starb. „Ein großer Verlust", sagt Kotsch, „er stand uns mit seinem ganzen Wissen und seiner Erfahrung zur Seite." Eine andere Ausstellung inspirierte Kotsch zu einem Konzert unter dem Motto „Weihnachten 1900", und so kam eins zum anderen. 1981, zur Preußenausstellung in der Philharmonie, brachte die Hymnentafel ihre erste Langspielplatte heraus, „Preußens Klang und Gloria". Das erste Stück darauf, ein Auftragswerk: die Preußenhymne (Text Matthias Koeppel, Musik Wilhelm Dieter Sieben), gespickt mit aktueller Ironie.
Weitere Aufnahmen folgten, für den SFB, den Rias und den WDR. Zu ihrem zehnjährigen Geburtstag füllte die Hymnentafel bereits den großen Sendesaal im Haus des Rundfunks. Ihr Erfolgsrezept zieht auch noch heute. Das Publikum kichert vergnügt, wenn Kotsch und seine Mannen die Vorfreude besingen, wenn es heißt: „Rasier mir mal den Nacken aus", oder die Szenerie „In der Bar zum Krokodil" beschreiben. Immer schwungvoll intoniert, nie zweifelnd ob der kritischen Distanz zu den Schmonzetten. Proben einmal die Woche, „keine Zeit als Ausrede zählt nicht", sagt Kotsch. Auch die Ironie im Vortrag will sorgfältig einstudiert sein. Außer Schlagern hat der Chor auch anderes im Repertoire. Zum Beispiel hatte die Hymnentafel zu den Festwochen 1991 ein Singspiel Giacomo Meyerbeers uraufgeführt, das zuvor 177 Jahre lang mangels Gelegenheit nicht gegeben wurde. Ein unverwechselbares Image, das sich die Hymnentafel aufgebaut hat. „Meines Wissens gibt es in dieser Formation keine vergleichbare Truppe", sagt Kotsch.

JAWOLL, MEINE HERRN, so haben wir es gern: Der Frack gehört untrennbar zur "Hymnentafel". [Foto: D+Q]